Archiv der Kategorie: Geschreibsel

Und ihr Kopf – der war jetzt leer.

Entscheidungen zu treffen ist nie gut. Es ist so endgültig, fand Kirsten.
Nun stand sie vor dem kleinen Waschbecken in ihrer Wohnung, die voller Erinnerungen steckte, und wusch sich schon seit fünfzehn Minuten die Hände.
Sie hatte irgendwo mal gelesen, man solle sich die Hände gründlich mit Seife waschen, nachdem man eine schwierige Entscheidung getroffen hat.
Kirsten hatte lange gebraucht, sie war sich die ganze Zeit über nicht sicher gewesen. Sie hatte in der Wanne gelegen und an die Decke gestarrt, mit und ohne Wasser darin, sie war spazieren gegangen, sie hatte gebacken, gekocht, gebastelt, genäht. Mittlerweile stapelte sich in ihrer Küche das dreckige Geschirr, der Kühlschrank war voll mit Pasteten, Muffins und Lasagne, das Esszimmer war übersät mit selbstgemachten Teelichtern und Kleidern und ihr Kopf – der war jetzt leer.
Eigentlich hatte das alles nichts genützt. Ihr war das noch nie leichter gefallen, nur, weil sie sich mit dem Thema beschäftigte.
Aber an diesem Morgen war sie aufgewacht, hatte aus dem Fenster hinter ihrem Bett gesehen und die Sonne hatte geschienen. Das erste Mal seit zwei Wochen – es war warm und als sie das Fenster öffnete, kam ihr Vogelgezwitscher entgegen.
An diesem Morgen hatte sie gewusst, dass sie so nicht weiter machen wollte.
Und jetzt stand sie am Waschbecken und wusch sich die Hände, weil sie endlich eine Entscheidung getroffen hatte. Sie stand in ihrem Badezimmer, hatte alle Fenster und Türen weit geöffnet, damit die Erinnerungen heraus flogen und Kirsten weinte vor Erleichterung.

Ein Moment Freiheit.

Traurig sah sie in den Regen, der von dem grauen und Wolken behangenen Himmel fiel.
Die Welt außerhalb schien so weit weg, so surreal. Sie hätte bloß das Fenster aufmachen und ihre Hand in den Regen halten müssen.
Sie hätte die nassen Tropfen auf ihrer Haut gespürt, hätte den Wind spüren können, der ihre Hand umschmeichelt und liebkost hätte.
Sie hätte einen winzigen Moment Freiheit erlebt, wenn eine Windbrise in das so stille Auto gefegt wäre und ihre Haare in die Luft gewirbelt hätte.
Schweigend saß sie da, drückte ihre Hand gegen die kalte Scheibe und sehnte sich in eine andere Welt, in der es ihren Kummer nicht gab, in der sie glücklich und unschuldig wie ein Kind war.


Wer bist du?

Ich bin die, die ständig singt.
Ich bin die, deren Haare irgendwie immer zerzaust aussehen.
Ich bin die, die alles vergisst.
Ich bin die, die in Gedanken immer woanders ist.
Ich bin die, die nach Traumdeutung googlet.
Ich bin die, die mit einem Block und einem Stift neben sich einschläft.
Ich bin die, die weg will.
Ich bin die, die immer was zu schreiben dabei hat.
Ich bin die, die andauernd krank ist.
Ich bin die, die Kaputzenpullover liebt.
Ich bin die, die fast jeden Film kennt.
Ich bin die, die ohne Kaffee manchmal nicht wirklich wach wird.
Ich bin die, die ständig den Bus verpasst.
Ich bin die, die eine sms schreibt und vergisst, sie abzuschicken.
Ich bin die, die andauernd liest.
Ich bin die, die kein Fleisch isst.
Ich bin die, die mit Mathe und Physik einfach nichts anfangen kann.
Ich bin die, die Gewitter romantisch findet.
Ich bin die, die ihr Zimmer am liebsten mit Fotos tapezieren möchte.
Ich bin die, die im Juli Sehnsucht nach dem Herbst hat.

_______________________________________________________________________________________________________

Ihr kennt doch sicher die Apollo Optik-Werbung? Ich fand das irgendwie toll und wollte das auch mal ausprobieren. Und dann war ich überrascht wie viel mir eingefallen ist, ich hätte auch nochmal zwanzig Dinge dran hängen können.
Jedenfalls hat mich das auf eine Idee gebracht…
_______________________________________________________________________________________________________

Und wer bist du?
Schreibe zwanzig Dinge über dich auf, die dir gerade in den Sinn kommen. Dinge, die nicht so alltäglich sind, dass man sie jemandem erzählen würde, den man gerade kennen gelernt hat, aber auch nicht zu privat sind, so dass sie eigentlich niemanden etwas angehen. Zwanzig Dinge, die eigentlich niemandem so genau auffallen.

  • Mach mit und erstelle ebenfalls eine solche Liste.
  • Erzähle etwas über das Projekt, indem du einen kurzen Text schreibst oder einfach diesen hier übernimmst.
  • Wenn du möchtest, kannst auch Leute direkt auffordern mitzumachen.
  • Wenn du mitmachst, wäre es toll, wenn du dich bei mir (maybeweforgot) melden würdest, damit ich dich in die Liste eintragen kann.
Ich hoffe, es finden sich ein paar, die Spaß an der Sache finden und mitmachen. (:

Wer ist Bobby?

 

Meine Eltern lieben mich nicht. Mein Vater schlägt mich. Ich habe meinen Bruder nie kennen gelernt. Meine Eltern sind geschieden. Meine Mutter ist gegangen, als ich drei Jahre alt war. Mein Vater hat jedes Wochenende eine Neue. Meine Eltern sind tot…

Heutzutage überlebt man nicht ohne ein anständiges Trauma, das ist irgendwie zum Trend geworden. Jeder Mensch hat irgendetwas dramatisches in seiner Kindheit oder Jugend erlebt. Und jeder denkt, er wäre der einzige mit Problemen.
Der einzige, der zum Psychotherapeuten  geht und der einzige, der in seinem Leben schon einmal den Suizid als Möglichkeit in Betracht gezogen hat.

Blogs sind doch schon eine tolle Sache. Man erfährt Dinge über Menschen, die man überhaupt nicht kennt und oft sind das Dinge, die einen überhaupt nicht interessieren. Trotzdem schreibt man sie und trotzdem werden sie gelesen.
Von anderen Menschen, die man nicht kennt. Schließlich ist das World Wide Web ja groß.
Und es gibt so viele verschiedene Arten von Blogs. Einer schreibt über sein Haustier, der andere über seine Arbeit oder sein Studium, der andere kocht gerne und der andere liest für sein Leben gern. Das sind die Blogs, die für gewöhnlich gelten, oder? Sowas sieht man oft und sowas liest man auch oft – auch wenn man keine Ahnung hat, wer Bobby ist, aber es ist lustig, was er da macht.
Und dann gibt es noch diese Art von Blogs, die ich persönlich nicht so gerne lese. Geschrieben von Leuten, die ganz dringend eine ärztliche Behandlung brauchen. (Und strickt mir daraus jetzt bitte keinen Strick, das ist auf keinen Fall negativ gemeint!)
Sechzehnjährige mit Essstörungen, Magersüchtige, Borderline-Patienten, und so weiter und so fort. Ein Meer aus Hilferufen.

Was ich mit diesem Blogpost eigentlich zu sagen versuche, ist, dass kein Mensch ohne Narben und Schrammen davon kommen wird.
Ob es nun am Verlust geliebter Menschen liegt, an einer Krankheit, an Depressionen oder an schlechten Erfahrungen im Thema Liebe liegt. (Diese Liste ist nach Belieben zu verlängern möglich.)
Irgendetwas prägt einen doch immer und um ehrlich zu sein nerven mich die Blogs (ich muss gestehen, meistens werden sie von Jugendlichen in meinem Alter geschrieben), die von Liebeskummer und Ich-bin-zwar-schon-untergewichtig-aber-ich-fühle-mich-trotzdem-noch-zu-fett-Geschichten handeln.

Aber was will man machen. Heutzutage überlebt man nicht ohne ein anständiges Trauma.

Möglicherweise haben wir es verlernt – das mit der Liebe.

 

“Nora”, sagte Mama immer, “pass auf, dass du dir immer treu bleibst.”
Und eigentlich dachte ich, dass ich diesen Rat immer befolgt hatte.
Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass gar nicht ich diejenige bin,  die Kindergeburtstage plant, Kuchen bäckt und Schulbrote packt, die abends auf der Veranda sitzt und Kartoffeln fürs Abendessen schält.
Ich habe nie daran gedacht, dass  ich unglücklich dabei wäre, meinen Kindern hinterher zu räumen, sie vom Kindergarten abzuholen und abends lange auf dich zu warten, weil du Überstunden machen musst.
Ich  fand, dass es mir Spaß macht, Mutter und Ehefrau zu sein und diese ganzen Dinge zu tun.
Zwar hatte ich nie geplant irgendwann ein Haus in der Vorstadt zu kaufen mit einem kleinen Garten und extra Zimmern für die Kinder, ich wollte nie so früh schwanger werden und ich hatte auch nie gedacht, dass nach dem ersten Kind noch drei weiter folgen würden.
Wenn sie erstmal erwachsen sind, dann mach ich all das, was jetzt nicht möglich ist.

Ja, ich wollte immer meine eigentlichen Ziele verwirklichen, wenn ich doch erst einmal die Möglichkeit dazu hätte.
Habe immer irgendwelchen Träumen hinterhergejagt und dann war ich plötzlich zufrieden mit dem, was ich war und was ich tat.
Weil ich mir geschworen hatte, glücklich zu werden. Weil ich irgendwann mal irgendwer sein wollte.

Nur stehe ich nun nach all den Jahren vor dem Spiegel – entdecke die ersten Falten und sehe, dass die Haut schlaffer wird, ärgere mich über das graue Haar über dem rechten Ohr und frage mich, wo die Jugend geblieben ist.
Ich sehe in den Spiegel und frage mich, was mit der Frau geschehen ist, die ich zu sein geglaubt hatte.
Und vor allem, was mit der jungen, wilden, verrückten Nora passiert sein mag, in die du dich verliebt hast. Stelle mir die Frage, ob sie irgendwo auf der Strecke geblieben ist zwischen dir und dem großen Abenteuer – der Familie.
Vermutlich war das das einzige große Risiko, das ich je eingegangen bin.
Vielleicht liebst du mich deshalb nicht mehr. Weil ich erwachsen geworden bin, obwohl wir doch genau das nie  wollten. Weil ich nicht nur erwachsen bin, sondern mit dir alt werde, weil wir gemeinsam ein halbes Leben von der Jugend entfernt sind. Weil wir mehr Zeit miteinander verbrachten, als dass wir getrennt waren. Vielleicht haben wir uns einfach aneinander gewöhnt und möglicherweise haben wir es verlernt – das mit der Liebe.

Ja, ich bin nicht wirklich die, die ich sein wollte. Aber doch bin ich stolz auf das, was ich bin. Denn ich kann behaupten, dass ich eine Frau bin, die geliebt und gelebt, geweint und gelacht, gestritten und sich versöhnt hat. Es war nicht alles so, wie ich es mir erhofft hatte, das mag sein.
Aber letztendlich warst du doch das allergrößte Abenteuer meines Lebens.